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Zweck und Eigentümlichkeit des Buches Daniel

Das Thema des Buches Daniel ist der Kampf zwischen Gottesreich und Weltreich, ein Ringen des Allmächtigen um Wiedergewinnung der ganzen Menschheit. Im ersten Teil dieses Buches wird aufgezeigt, dass die heidnischen Weltherrscher letztendlich erkennen müssen, dass es nur einen wahren Gott gibt. Es ist der Gott Daniels und seiner Freunde. Der zweite Teil des Buches Daniel zeigt uns den wunderbaren Weg zum Sieg des Gottesreiches durch Leiden und Trübsal zur Herrlichkeit.
Heinrich Langenberg macht deutlich, dass das Buch Daniel die Apokalypse des Alten Bundes ist und auch inhaltlich mit der Apokalypse des Neuen Bundes korrespondiert. Es "war ganz besonders bestimmt, als prophetische Leuchte für die lange, prophetenlose Zeit zu dienen, die dem Kommen des Messias noch voraufgehen sollte, um den Blick der wartenden Gläubigen während der Zeit der Heiden zu klären und ihnen Mut zu machen, auszuharren bis ans Ende."

Brosch. 168 Seiten, EUR 11,40
Bestellnummer: 1250

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Ausschnitte zum Probelesen

1 Einführung 7
2 Des Glaubens Kraft inmitten der Welt 9
3 Göttliche Weisheit höher als menschliche Weisheit 13
4 Der Gott des Himmels und sein Prophet 18
5 Das Bild des Menschentums oder das Königtum des Menschen 23
6 Die Weltreiche und das Gottesreich 28
7 Konflikt zwischen Wahrheit und Weltmacht 33
8 Die Feuerprobe 38
Fragen und Probleme 42
9 Der Kampf zwischen Weltreich und Gottesreich 42
10 Daniel als Bußprediger am Hof Nebukadnezars 45
11 Nebukadnezars Demütigung 50
12 Gottes Finger 55
13 Gottes Gericht an Belsazar 59
14 Konflikt zwischen Staatsgesetz und Gottes Gesetz 63
15 Im Löwengraben 68
16 Daniels Gesicht vom Wesen der Weltreiche 72
Fragen und Probleme 77
17 Die Christologie des Buches Daniel 78
18 Der Sieg des Gottesreiches 80
19 Israels Sieg über den antigöttlichen Weltherrscher und Wiederherstellung 85
20 Die weitere Entwicklung der gottfeindlichen Weltmacht nach Babels Sturz 90
21 Die Herrschaft des Weltdiktators 95
22 Die große Trübsal Israels 101
23 Daniels Gebet um Israels Erlösung 105
24 Die siebzig Jahrwochen 110
24.1 Fragen und Probleme 116
24.2 Fortschritt des Prophetismus durch Daniel 118
25 Gotteskämpfer aus zwei Welten 119
26 Der Hintergrund der Weltgeschichte 125
27 Der irdische Kampfplatz 130
28 Allmähliche Entwicklung des antigöttlichen Weltgeistes 133
29 Antiochus Epiphanes, das Vorbild des antigöttlichen Weltherrschers 138
30 Israels Errettung 144
31 Bis auf die Zeit der Vollendung 149
Fragen und Probleme 154
Bibelstellenverzeichnis 157

Hinweis zum Gottesnamen "Jehova"

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1 Einführung

Wenn Jesus seine Jünger in Mt. 24,15 ermahnt, darauf zu achten, was Daniel von dem Greuel der Verwüstung an der heiligen Stätte sagt (vgl. Dan. 9,27), so lenkt er damit die Aufmerksamkeit der Seinen gerade auf den Punkt, der für das Verständnis der Eigentümlichkeit des Propheten und des Zweckes seines Buches ausschlaggebend ist. Daniel, der Prophet der exilischen Endzeit, hatte die besondere Aufgabe, auf den Verzug in der Erfüllung der Weissagung von der Wiederherstellung Israels im Licht der göttlichen Regierungswege mit der ganzen Völkerwelt hinzuweisen. Noch war das Messiasreich nicht da, die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft brachte für Israel nicht die so sehr ersehnte Heilszeit. Erst musste die Zeit der Heiden sich erfüllen, der Kampf um Gott innerhalb der Weltreiche ausgekämpft werden und seinen Gipfelpunkt erreichen in dem Greuel der Verwüstung an der heiligen Stätte, ehe das messianische Gottesreich auf Erden errichtet werden könnte nach dem völligen Triumph Jehovas über alle heidnischen Gewalten. Dieser Gedanke bleibt von Daniel an die Grundstimmung des prophetischen Wortes bis in das Neue Testament hinein. Es wird weiter ausgebaut durch Jesus und seine Apostel (vgl. Mt. 24 und 2. Thess. 2).

Für Israel sollte noch nicht unmittelbar mit der Erlösung aus Babel die Heilszeit anbrechen, wie es nach den Weissagungen der bisherigen Propheten vielleicht den Anschein haben konnte, sondern nach Gottes Heilsrat sollte noch eine zukünftige Leidenszeit für das Volk Gottes kommen. Um nun nicht durch den Verzug der Erfüllung der Heilsverheißungen irre zu werden, musste der Glaube der auf den Trost Israels Wartenden gestählt werden. Der Sieg des Gottesreiches war freilich unumstößliche Gewissheit, aber dieser Sieg sollte nicht auf der für den menschlichen Verstand gerade scheinenden Linie des Aufstiegs und allmählichen Fortschritts errungen werden, sondern durch Leiden und Sterben und Tod. Dies ist der göttliche Hochweg des Triumphes über eine Welt voll Sünde und Ungerechtigkeit.

Das Geheimnis des Kreuzes rückt immer näher vor das Seherauge der Propheten und beherrscht mehr und mehr ihre Vision von der messianischen Heilszukunft. Der gewaltige Kampf um Gott in der Menschheit wird erschaut auf der breitesten Basis, nicht nur als ein Eifern Jehovas um Wiederherstellung der Theokratie auf israelitischem Boden, sondern als ein Ringen des Allmächtigen um Wiedergewinnung der ganzen Menschheit, als ein Kampf zwischen Gottesreich und Weltreich. Dies ist das Thema des Buches Daniel. Das Ende dieses Kampfes ist der völlige Triumph des Gottesreiches, und das Ziel ist die Unterwerfung des Menschengeschlechts unter Gott, so dass alle Welt ihm die Ehre gibt. Auf dieses Endziel weisen die Erzählungen des ersten Teils des prophetischen Buches hin, indem heidnische Weltherrscher durch das Zeugnis der treuen Knechte Jehovas und durch das gewaltige Eingreifen des Allmächtigen dazu gebracht werden, den wahren Gott anzuerkennen (vgl. Dan. 2,47; 3,28ff.; 4,34; 5,29; 6,27–28).

Der zweite Teil, das Buch der Geschichte, zeigt uns den wunderbaren Weg zum Sieg des Gottesreiches durch Leiden und Trübsal zur Herrlichkeit, die große Krisis. Aus dem Zweck des prophetischen Buches verstehen wir auch die mit demselben verbundene Eigentümlichkeit des Buches. Rein äußerlich kommt dies schon durch die Stellung im hebräischen Kanon zum Ausdruck. Wir finden es dort nicht im zweiten Teil, unter den Propheten, sondern im dritten Teil, unter den sogenannten Hagiographen, mitten zwischen dem Buch Esther und Esra. Diese eigenartige Stellung verdankt das Buch Daniel seinem auffallenden Charakter. Wie die Offenbarung Johannis allen anderen Büchern des Neuen Testaments gegenübersteht, so das Buch Daniel allen prophetischen Büchern des Alten Testaments. Es ist die Apokalypse des Alten Bundes und korrespondiert auch inhaltlich mit der Apokalypse des Neuen Bundes, mit dem letzten Buch der Bibel.

Im Gegensatz zu allen anderen Propheten tritt Daniel nicht als Lehrer unter Israel auf, sondern er wird erzogen in chaldäischer Weisheit und erfüllt als Staatsmann am Hofe des Weltreichs seine Lebensaufgabe. Sind Jeremia und Hesekiel im wahren Sinn des Wortes bereits Völkerpropheten, so ist Daniel in noch ganz anderer Weise ein Zeuge Gottes im Herzen der heidnischen Weltmacht, indem er auf dem Völkerboden die Rechte Gottes vertritt. Sein Name „Daniel" heißt wörtlich: Mein Richter ist Gott. Sein Glaube überwindet die Hemmungen und die Widerstände des Heidentums. Israel tritt in ihm aus seiner Absonderung heraus und direkt in das Völkermeer hinein, um den Kampf um Gott auf breitester Basis durchzuführen. Und er wird zum Sieg durchgeführt, doch so, dass aller Ruhm ausschließlich Gott zufällt. Letzten Endes ist es nicht das Verdienst und Bemühen des treuen Knechtes Jehovas, wodurch das Reich Gottes herbeigeführt wird, sondern der Stein, der herabgerissen wird ohne Hände, zermalmt den Koloss des Weltreiches und wird selber zu einem großen Berg (vgl. Dan. 2,34–35.44–45).

Das Buch Daniel war ganz besonders bestimmt, als prophetische Leuchte für die lange, prophetenlose Zeit zu dienen, die dem Kommen des Messias noch voraufgehen sollte, um den Blick der wartenden Gläubigen während der Zeit der Heiden zu klären und ihnen Mut zu machen, auszuharren bis ans Ende.

2 Des Glaubens Kraft inmitten der Welt (1,1-21)

Zum Verständnis des Buches Daniel ist es notwendig, sich den geschichtlichen Hintergrund klar zu machen, auf den der Anfang des Buches hinweist (Verse 1–2). Es wird hier der krasse Gegensatz vor Augen geführt zwischen dem Reich Gottes und der heidnischen Weltmacht, der dem großen Kampf um Gott, dem eigentlichen Thema des Buches, die rechte Note verleiht.

 Israel, das bisher das Reich Gottes auf Erden repräsentiert hat, befindet sich im babylonischen Exil in der Gewalt des heidnischen Weltreiches. Daniel selber vertritt nun mit seiner Person das ganze Israel in dessen idealer Stellung inmitten der Welt. Er hat deshalb auch die babylonische Gefangenschaft vom ersten Anfang bis zum letzten Ende miterlebt (vgl. Verse 1–2 und 21). Schon bei dem ersten Einfall Nebukadnezars in Palästina, der damals noch Oberfeldherr seines Vaters Nabopolassar war, wurde Daniel zusammen mit anderen edlen Gefangenen nach Babel geführt. Dies geschah im dritten oder vierten Jahr der Herrschaft des Königs Jojakim im Jahr 606 v. Chr. (vgl. Jer. 25,1.9).

 Er war also viel früher in Babel als Hesekiel, der im Jahr 598 in die Gefangenschaft geführt wurde, nachdem Nebukadnezar seinen zweiten Zug gegen Jerusalem unternommen hatte. Als der König von Babel zum dritten Mal in Palästina einbrach, wurde die heilige Stadt zerstört und der letzte König von Juda, Zedekia, geblendet und gefesselt nach Babel gebracht (586 v. Chr.). So war Israel als Nation zertrümmert. Nur ein elender Überrest lebte unter drückenden Verhältnissen in den Landschaften Babels, um durch Gericht für das kommende Heil zubereitet zu werden. Damit war jedoch das Zeugnis Israels in der Welt keineswegs ausgetilgt, sondern bestand weiter in den von Gott berufenen Vertretern der Theokratie, wie Daniel einer war. In seiner Person kommt die ganze Überlegenheit des Gottesvolkes über das Weltreich in göttlichen Dingen zur Erscheinung.

 Es ist ein Fortschritt in der Entwicklung des Reichgottesgedankens, dass während der Entfaltung der Weltreiche die Ausbildung der Einzelpersönlichkeit mehr in den Vordergrund gerückt wird, jedoch immer nur im Blick auf das Ganze, das universale Heil für alle. Deshalb finden wir im Buch Daniel so sehr die starke Betonung der überragenden Gestalt Daniels, wie wir es in diesem Umfang sonst noch nicht im prophetischen Wort gefunden haben, auch nicht bei den sogenannten Tatpropheten wie Elia und Elisa.

Der Riesenkampf des Reiches Gottes mit der heidnischen Weltmacht findet in solchen Persönlichkeiten wie Daniel seine persönliche Spitze. Daniel ist geradezu der Repräsentant der Ehre Jehovas inmitten der gottfeindlichen Welt, und sein persönliches Geschick ist die typische Grundlage seiner Weissagung. Die Wichtigkeit der kraft- und glaubensvollen Einzelpersönlichkeit auf dem Boden der Weltreiche wird dadurch betont, dass das ganze erste Kapitel gleichsam als Einleitung zu dem Buch selber sich mit diesem Gedanken beschäftigt und ihn als Thema der Prophetie voranstellt. Ähnlich so wird die Entwicklung am Ende der Gemeindehaushaltung wieder sein. Auch da sind die einzelnen Überwinder charaktervolle, geheiligte Persönlichkeiten, die als Repräsentanten Gottes seine Königreichsinteressen vertreten.

 Um die Größe des Kampfes zu zeigen, wird die Gewalt und der Glanz des babylonischen Weltreiches in markanten Einzelzügen geschildert (Verse 1–2). Sinear wird Babel hier genannt, weil nachgewiesen werden soll, dass der Gegensatz zwischen ihm und Gott schon ein uralter ist (vgl. 1. Mo. 10,10; 11,2). Scheinbar ist das Weltreich dem Gottesreich absolut überlegen, wenn man  übersieht, dass der Herr es war, der Nebukadnezar alles in seine Hand gegeben hatte. Jehova ist und bleibt der Herr der Weltgeschichte. Nebukadnezar ließ die Gefäße des Gotteshauses in das Schatzhaus seiner Götter in Babel bringen (vgl. 2. Chron. 36,7). Damit wollte er zu erkennen geben, dass Jehova, der Gott des besiegten Volkes, von seinem Gott Marduk überwunden worden sei. Somit war also der Krieg zwischen Gott und der Welt offiziell erklärt. Jehova beantwortete diese Herausforderung jedoch nicht mit sofortigem Gericht über das sich trotzig gebärdende Weltreich, sondern er ließ dieses sich austoben und ausleben und bereitete sich in der Stille seine Werkzeuge zum Kampf. Auch Satan macht seine Truppen mobil.

 Die Welt muss alles aufbieten, was sie an Gütern und Werten besitzt, um die Werkzeuge Gottes in ihren Bann zu zwingen (Verse 3–7). Und gerade den Edelsten des Volkes Gottes galt der heftigste Angriff der Welt. Edle Jünglinge von königlichem Geschlecht sollten zu Kämmerern oder Hofbeamten in Babel erzogen und so ganz von dem babylonischen Wesen und Geist beherrscht werden (vgl. Jes. 39,7).

 Äußerlich kam diese Absicht zum Ausdruck in der Veränderung der hebräischen Namen. Eine solche Umnennung war allgemeine orientalische Sitte (vgl. 1. Mo. 41,45; 2. Kön. 23,34; 24,17; Mk. 3,16) und sollte die Zugehörigkeit zu einem neuen Herrn oder Reich bekunden. In den neuen Namen der vier Jünglinge finden sich deutliche Beziehungen zu babylonischen Gottheiten. Die Verführungsmacht der Welt lag für die edlen, hochbegabten, mit allen körperlichen und geistigen Vorzügen ausgestatteten Jünglinge in dem bestrickenden Glanz des königlichen Hoflebens, in der verlockenden, ehrenvollen Karriere, in der Anziehungskraft babylonischer Kultur und Weisheit, in den mannigfachen Reizungen zum sinnlichen Genussleben.

 Wie nun der echte, weltüberwindende Glaube (vgl. 1. Joh. 5,4) sich herrlich bewährt, wird uns hier gezeigt (Verse 8–16).

Daniel war der Führer der jehovatreuen Jungschar. Er richtete seine Sorgfalt darauf, oder nahm sich fest vor in seinem Herzen, sich nicht zu verunreinigen (vgl. Apg. 15,20). Es war heidnische Sitte, ihren Mahlzeiten durch Spenden eines Teils an die Götter eine religiöse Weihe zu geben. Der Genuss der Speisen und Getränke von der königlichen Tafel galt Daniel und seinen Freunden also als indirekte Teilnahme am Götzendienst (vgl. 1. Kor. 10,18–20; 8,1–13). Alle Bedenken ihres Aufsehers wissen die entschiedenen Kämpfer zu überwinden und ihr Vorhaben mit Weisheit und Demut durchzusetzen. Gegen die Annahme ihres neuen, chaldäischen Namens haben sie sich nicht gewehrt, das gründliche Studium der babylonischen Wissenschaften wie Sternkunde, Geschichte, Keilschrift und Sprache haben sie nicht abgelehnt, die Ausbildung an einer chaldäischen Hochschule und die spätere Anstellung im Staatsdienst eines heidnischen Weltreiches haben sie nicht zurückgewiesen. Sie waren nicht weltsüchtig oder weltflüchtig, sondern welttüchtig. Wahrer Glaube sucht sein Heil nicht in selbstsüchtiger Absonderung, sondern in heldenmütiger Besiegung der Welt, indem er seine Kraft aus der göttlichen Quelle zu schöpfen versteht.

 Die Enthaltsamkeit der vier Jünglinge trug die herrlichsten Früchte. Schon in dem blühenden leiblichen Gedeihen bei mäßiger Kost lag ein starker moralischer Erfolg, ein Protest gegen die weltliche Üppigkeit und Sinnenversklavung. Das wichtigste von allem waren jedoch die hohen geistigen Fähigkeiten, die Gott den sittlich strengen Jünglingen aus Gnaden verlieh (Vers 17). Diesen vier Knaben verlieh Gott Wissen und Verständnis für jede Art Schrift, Literatur und Wissenschaft. Daniel aber konnte auch alle Gesichte und Träume verstehen. Die göttliche Weisheit schlägt auf allen Gebieten die Weisheit dieser Welt (vgl. Jak. 3,17). Daniel übertraf noch seine Freunde durch die besondere Gnadengabe, Träume und Gesichte richtig zu deuten. Von dieser Gabe ist im Verlauf des Buches noch öfter die Rede.

 Wie nun die durch Gottes Gnade gewirkten Vorzüge der verachteten Juden auch von der Welt schließlich anerkannt werden, zeigt uns das öffentliche Examen Daniels und seiner Freunde nach Ablauf ihrer dreijährigen Studienzeit im Beisein des Großkönigs Nebukadnezar (Verse 18–20). Die Gläubigen sollen die tüchtigsten Menschen in der Welt sein. Die Prüfung betraf nicht nur technisches, mechanisches Wissen, sondern auch Lebensweisheit und Intelligenz. Die vier Jünglinge wurden nach glänzend bestandenem Examen sofort als königliche Palastbeamte angestellt. Die Bemerkung, dass Daniel noch das erste Jahr des Königs Kores (Cyrus) erlebte, will nicht so verstanden werden, als ob Daniel in jenem Jahr gestorben wäre, sondern dass Daniel das Ende der babylonischen Gefangenschaft erlebte, das im ersten Regierungsjahr des Cyrus seinen Anfang nahm (Vers 21; vgl. Jes. 44,28). Daniel hat also die ganze Exilszeit von Anfang bis zu Ende durchlebt als Repräsentant und Dolmetscher der Hoheitsansprüche Jehovas über die Weltreiche. 

3 Göttliche Weisheit höher als menschliche Weisheit (2,1–23)

Dan. 2 hat besondere Bedeutung für die Endzeit und zeigt, wie Gotteskinder sich weise verhalten sollen unter einer gottfeindlichen Weltregierung. Daniel war mit seinen Genossen offiziell in die Gesellschaft der Magier oder chaldäischen Weisen aufgenommen (vgl. Verse 13.48–49), aber nicht um nun ein Sklave dieser heidnischen Weltweisheit zu werden, sondern um für die Ehre Jehovas auf diesem Boden zu streiten. Nicht hochmütige Verachtung weltlicher Wissenschaften ist die Aufgabe der Gläubigen, sondern Überwindung der gottfeindlichen Tendenzen auf dem Gebiet menschlichen Wissens durch Beherrschung derselben, wie nur der von Gott geschenkte Glaube und die durch den heiligen Geist gewirkte Weisheit dazu befähigt und so alles wahre Wissen, das zu Gott führt, unterscheidet von aller Trugweisheit, die sich in Selbstvergötterung verirrt. Gerade durch die besondere Gnadengabe, wodurch Daniel vor allen anderen ausgezeichnet war, und die als Gnadengabe ausschließlich die Frucht des Geistes Gottes war, und also nur Gott verherrlichen musste, sollte die Überlegenheit der göttlichen Weisheit über alle menschliche Weisheit offenbar werden.

 Der Angriff aber gegen die weltliche Weisheit geht nicht von den Vertretern der göttlichen Weisheit aus, sondern von der Welt selber. Der Streiter des Herrn kann ruhig den Zeitpunkt abwarten, wann er in diesen Streit der Welt eingreifen darf. Hier war es Nebukadnezar, das Haupt des babylonischen Weltreiches, der die ganze  Gelehrtenzunft in die Arena entbot (Verse 1–3). Im zweiten Jahr seiner Alleinherrschaft, wohl kurz nach der dreijährigen Studienzeit Daniels und seiner Freunde, fand dieser Entscheidungskampf der Geister statt.

 Anlass hierzu war die Beunruhigung Nebukadnezars durch Träume, deren Bedeutung er nicht begreifen konnte, und die Aufforderung des Königs an sämtliche Gelehrten Babels zur Deutung der Träume vermittels ihrer großen Weisheit (vgl. 1. Mo. 41,8). Der Traum hatte den Geist Nebukadnezars in große Unruhe versetzt, so dass er begierig ward, den Traum zu verstehen. Dass Gott sich auch Heiden durch Traumgesichte offenbart, ist bekannte Tatsache (vgl. 1. Mo. 20,3; 31,24; 41,1ff.).

Das Außerordentliche jedoch bei Nebukadnezars Traumvision bestand in dem Wiedervergessen des erlebten Traumes und der Unfähigkeit aller chaldäischen Weisen, einen vergessenen Traum zu deuten. Und gerade an diesem Punkt sollte sich der Geisteskampf entscheiden. Im Traumdeuten auf Grund reichster Erfahrung waren die chaldäischen Magier unübertroffene Meister. Aber  diese ihre Kunst musste verblassen vor dem hellen Licht wahrer, göttlicher Prophetie (Vers 4). Göttliche Weisheit ist original, ursprünglich; menschliche Weisheit dagegen ist stets von gewissen Voraussetzungen abhängig und abgeleitet. Fehlen diese, oder sind diese mangelhaft zu erkennen, so bricht die ganze Philosophie zusammen.

 Die babylonischen Weisen geben schon in ihrer Sprache zu erkennen, dass sie der Herausforderung auszuweichen suchen. Sie reden zum König auf Aramäisch, d. h. nicht in ihrer gelehrten Zunftsprache Chaldäisch, sondern in der damals üblichen Volks- und Verkehrssprache. Mit dem Aufgeben ihrer heiligen Gelehrtensprache verlassen sie den Boden ihrer Wissenschaft und stehen als gewöhnliche Menschen unter Ihresgleichen. Damit schwindet auch der ganze Nimbus ihres Wesens. Wieviel ist doch an der Weltweisheit nur gelehrte Phrase, unbegriffene Sprache. Nebukadnezar muss wohl bereits seinen Respekt vor dem großen Wissen seiner Gelehrten verloren und eine Ahnung von der Hohlheit ihres ganzen Systems bekommen haben, weshalb er so rücksichtslos scharf gegen die verlegenen Magier vorgeht (Verse 5–6).  

„Mein Entschluss sei euch hiermit bekannt gegeben: Wenn ihr mir nicht den Traum und seine Deutung zu sagen wisst, werdet ihr in Stücke zerhauen und werden eure Häuser in Misthaufen verwandelt." (2,5)  

Für die Erfüllung und Lösung der gestellten Aufgabe verspricht der König dagegen fürstliche Geschenke und Ehrungen. Hier finden wir nicht nur die Sprache eines grausamen, rücksichtslosen, orientalischen Despoten, sondern eines Menschen, der misstrauisch geworden ist gegen die Weisheit der Welt und um jeden Preis hinter die Wahrheit kommen möchte. Hat die Weltweisheit recht, ist sie die untrügliche Wahrheit, so ist sie der höchsten Auszeichnung wert. Ist sie dagegen im Unrecht, so hat sie die verächtlichste Behandlung verdient. Dieselbe Alternative besteht auch heute noch.

 Beachtenswert ist hier, dass der Kampf um die Wahrheit ganz innerhalb der Welt stattfindet, zwischen Nebukadnezar und seinen eigenen Weisen. Wir können es der Welt ruhig überlassen, sich selbst zu bekämpfen und zu widersprechen. Das Zeugnis des Glaubens wartet seine Gelegenheit ab und ist immer da am Platze, wenn die Welt mit ihrem Chaldäisch oder Latein ganz am Ende ist. Erst musste die ganze Ohnmacht der babylonischen Weisen an den Tag kommen, bevor Daniel zur Ehre Gottes die Überlegenheit des prophetischen Geistes beweisen sollte (Verse 7–11).

 Wenn die Magier jemals die Wahrheit gesprochen haben, so tun sie es jetzt in ihrer Not und Verlegenheit. Sie bekennen offen die Grenzen menschlichen Vermögens. Hätten sie diese Grenzen früher erkannt und ehrlich bekannt, wäre ihnen diese furchtbare Blamage erspart geblieben. Der König will ihren unbeugsamen Gelehrtenstolz und Wissensdünkel brechen, der sich scheut, seine Ohnmacht, sein Nichtwissen und Nichtkönnen demütig einzugestehen. Wohnen die Götter nicht bei den sterblichen Menschen, wie die Weisen bekennen müssen, dann ist ihre vorgebliche heilige Wissenschaft Lügenwort und Täuschung; denn sie behaupten, mehr zu wissen als andere Sterbliche und göttliche Erleuchtung zu besitzen und mit der himmlischen Welt in Verbindung zu stehen. Nebukadnezar lag darum so unendlich viel an der Deutung seines Traumes, weil er überzeugt war, diesmal eine Kundgebung aus der Himmelswelt empfangen zu haben. Die Weisen haben mit ihrer Rederei sich selbst das Urteil gefällt und müssen nun die Folgen tragen (Verse 12–13).

 Auch Daniel und seine Genossen wurden durch das Todesurteil über alle Weisen Babels mitbetroffen. Jetzt war der Augenblick für diese Streiter Jehovas gekommen, in den Kampf einzugreifen, nicht um in erster Linie ihr leibliches Leben zu retten, sondern die Ehre Jehovas, die Wahrheit, die göttliche Weisheit zu vertreten (Verse 14–16).

 Wohl besaß Daniel Klugheit und Verständnis, um Arioch, dem Obersten der königlichen Leibwache entgegenzutreten, der den Auftrag hatte, den Befehl Nebukadnezars auszuführen, aber er wagte den Kampf gegen die Weltweisheit seiner akademischen Kollegen nicht im Vertrauen auf seine eigene Weisheit, sondern erbat sich vom König Frist für die Entscheidung. Für den Sieg Gottes hofft er nur auf die Hilfe Gottes (Verse 17–23).

 Sein Glaube wankt nicht und wird gekrönt, Gott enthüllt dem Daniel das Geheimnis. Die anstandslose Bewilligung der Frist durch den König war schon der erste Erfolg des Glaubens und ist auf den Respekt zurückzuführen, den der König bereits vor Daniel seit dem glänzenden Abschlussexamen (Dan. 1,19–20) hatte. Er ahnte, dass in diesem Jüngling eine höhere, eine göttliche Weisheit wohnte.

 Erst nach brünstigem Gebetsringen, wohl gemeinschaftlich mit seinen drei Herzensfreunden, wurde dem Daniel in einem Nachtgesicht das Geheimnis enthüllt. Die Erhörung seines Flehens machte ihn überglücklich, und er pries in einem heißen Dankgebet den Gott des Himmels. Jehova hatte sich dadurch als Gott des Himmels erwiesen, der allein imstande ist, himmlische Dinge, wie das Traumgesicht Nebukadnezars, zu offenbaren, während er die erdgebundene Weisheit Babels zuschanden macht.

 Jehova wird in Zukunft häufiger als Gott des Himmels bezeichnet, um den Gegensatz zwischen dem Reich Gottes, das während der Zeit der Heiden ausschließlich einen himmlischen Charakter hat, und den Weltreichen hervorzuheben. Der Kampf um Gott auf dem Boden des Weltreichs ist ein Kampf des Himmels wider die Erde. Himmlische Weisheit besiegt die irdische Weisheit. Das himmlische Glaubensleben triumphiert über die Welt. Das himmlische Gottesreich zertrümmert die großen irdischen Weltreiche und wird schließlich zu einem großen Berg, der die ganze Welt ausfüllt. Dem Gott des Himmels gehören Weisheit und Stärke. Er führt den Wechsel der Zeiten und Stunden herbei. Er bestimmt jedem Reich seine zugemessene Zeit. Er ist der alleinige Herr der Weltgeschichte (vgl. Dan. 7,12).

 Dieses himmlische Regieren der irdischen Dinge zu verstehen, verleiht Jehova Weisheit den Weisen und Erkenntnis den Einsichtigen. Er enthüllt die tiefsten und verborgensten Geheimnisse. Er weiß, was in der Finsternis ist, und das Licht wohnt bei ihm (vgl. 1. Kor. 2,10).

 Daniel schließt sein Lob- und Dankgebet mit den Worten:

„Ich danke dir, Gott meiner Väter, und preise dich, dass du mir die Weisheit und die Kraft verliehen hast und mich auch jetzt hast wissen lassen, was wir von dir erflehen; denn was der König zu erfahren verlangte, hast du uns offenbart." (2,23)

4 Der Gott des Himmels und sein Prophet (2,24-30)

Auffallend ist die Zweisprachigkeit des Buches Daniel. Die Kapitel 1,1–2,3a und 8–12 sind hebräisch und die Kapitel 2,3b bis 7 Schluss sind aramäisch geschrieben. Hierdurch wird das ganze Buch schon rein äußerlich in zwei Teile geteilt. Der hebräische Teil behandelt das Schicksal des Gottesvolkes im Kampf mit der heidnischen Weltmacht, der aramäische Teil dagegen zeigt uns im prophetischen Licht die Geschichte der großen Weltreiche. Aramäisch war zur Zeit des Exils die babylonische Welt- und Verkehrssprache, während Hebräisch die heilige Sprache Israels blieb in allen Verhältnissen. Daniel hat also den Weltreichen ihre Geschichte in ihrer eigenen, allgemeinverständlichen Sprache kundgetan.

 Das beherrschende Thema des ersten Teils ist das Königtum der Menschen in seinen Entwicklungsstufen (vgl. Kapitel 4,14.22) als vier Weltreiche, die nacheinander entstehen und vergehen, um schließlich vom Gottesreich überwunden und ersetzt zu werden. Nicht der Prophet Daniel war es, sondern Nebukadnezar, das Haupt des ersten Weltreiches, dem in einem Traumgesicht die ganze künftige Entwicklung der Weltreiche offenbart wurde.

 Warum teilte Gott die wichtige Enthüllung über die Weltreiche nicht seinem Propheten Daniel direkt, sondern einem heidnischen Weltherrscher mit? Wie sich der Thron Gottes jetzt nicht mehr in Jerusalem, sondern in Babel befand (vgl. Hes. 10), so hatte Gott auch seine Offenbarung mitten auf den Völkerboden verlegt. Weil er sich während der nun angebrochenen Zeit der Heiden vorwiegend mit den Weltreichen beschäftigte in Gnade und Gericht, so treten die Häupter der Weltreiche in ein ganz besonderes Verhältnis zu Gott. Gott benutzt sie als seine Knechte, obwohl er Israel nicht ganz beiseite setzt, sondern seinem unter Gericht befindlichen theokratischen Bundesvolk dennoch die Führung überlässt in der Verwaltung des prophetischen Wortes. Nebukadnezar hatte wohl die bedeutsame Traumvision, aber ohne Daniels Deutung hatte sie ihm keinen Nutzen gebracht.

 Die unmittelbare Hereinbeziehung Nebukadnezars in die Geheimnisse Gottes hatte den Zweck, an diesem König die Gedanken Gottes mit der ganzen Völkerwelt anschaulich zu machen. So wie Nebukadnezar schließlich zur völligen Unterwerfung unter Gott durch den Dienst Israels geführt wurde, so sollen am Ende alle Völker Gott anbeten, nachdem das Gericht alles Große unter den Menschen zerstört haben wird (vgl. Hiob 33,15–18).

 Der Fortschritt der Heilsgeschichte hatte jetzt den Punkt erreicht, wo Jehovas Herrlichkeit von Jerusalem nach Babel übergesiedelt und der Thron Gottes mitten auf dem Boden der Völkerwelt aufgerichtet worden ist. Jehova bedient sich dabei der Heiden als Werkzeuge, und so ist Nebukadnezar sein Knecht (vgl. Jer. 25,9), der seinen Willen ausführt und auch göttliche Offenbarungen in einer ihm angemessenen Weise empfängt. Dabei muss er aber stets die Überlegenheit Israels, des theokratischen Bundesvolkes, anerkennen. Die Heidenwelt soll von vornherein nach Gottes Plan lernen, dass sie sich niemals über Israel hinwegsetzen oder Israel einfach ignorieren darf. Die Christenheit hat das oft vergessen und ist deshalb verkehrte Wege gegangen.

 Nebukadnezar bedurfte eines Daniel als seines geistigen Führers. Nur Daniel war imstande, Nebukadnezars Traumbild wieder herzustellen und zu deuten. Ein von Gott erleuchteter Israelit musste dem König von Babel das Verständnis für die Traumvision öffnen (Verse 24ff.). Daniel wird mit Nachdruck als Israelit von Arioch dem König von Babel bezeichnet, als einer von den aus der Heimat weggeführten Juden. Auch Nebukadnezar erstaunt darüber, dass Daniel als Jude mit dem Anspruch vor ihn hintrat, das zu leisten, wozu alle Weisen Babels nicht imstande waren.

 „Bist du wirklich imstande, mir zu sagen, welchen Traum ich hatte, und was er bedeutet?" (2,26)

 Es wird an dieser Stelle ausdrücklich der Name Daniel, d. h. mein Richter ist Gott, betont, der jüdische Name des Propheten, der den babylonischen Namen Beltsazar bekommen hatte. Nicht als Beltsazar, als Angehöriger der chaldäischen Magierzunft, trat er hier auf, sondern als Daniel, als Zeuge Gottes und Repräsentant des theokratischen Bundesvolkes. Natürlich war Daniel dem König kein Unbekannter mehr, aber dass ein Jude, ein verachteter Ausländer, imstande sein sollte, das zu tun, was keiner seiner eigenen Weisen konnte, das rief das maßlose Erstaunen Nebukadnezars hervor. Schon als er dem Daniel die Frist bewilligte, war des Königs Aufmerksamkeit wach geworden. Nun jedoch sah er an Daniels sicherem, zielbewusstem Auftreten, dass dieser Jüngling etwas hatte, was er an den Weisen Babels vermissen musste.

 Es liegt dem Daniel nun nicht nur daran, dem König den Dienst der Traumdeutung zu leisten und damit das eigene Leben und das aller Weisen zu Babel zu retten, sondern ein klares Zeugnis von Jehova abzulegen (Verse 27–28). Freimütig redet er deshalb von der Ohnmacht und Unzulänglichkeit aller Menschenweisheit in himmlischen Dingen.

„Das Geheimnis, welches der König zu wissen wünscht, vermag kein Weiser, Wahrsager, Zauberer und Sterndeuter dem König kundzutun; aber es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse enthüllt, und er hat dem König Nebukadnezar zu wissen getan, was in der Endzeit geschehen wird." (2,27–28)

 Über rein weltliche Wissenschaft, die in ihren klaren Grenzen bleibt, hätte Daniel nie ein abfälliges Urteil ausgesprochen. Sobald aber menschlicher Größenwahn sich erkühnt, himmlische Dinge mit eigener Weisheit meistern zu wollen, wie die babylonischen Weisen, Wahrsager, Zauberer und Astrologen es sonst taten, dann muss die Wissenschaft in ihre Schranken verwiesen werden (vgl. Jes. 41,22–23). Allein der Gott des Himmels kann himmlische Geheimnisse offenbaren, und dazu gehört das Geheimnis der Endzeit.

 Nicht um die Weltpolitik handelt es sich hier in erster Linie, um das Aufeinanderfolgen der verschiedenen Weltreiche, um die Weltgeschichte, sondern um das Ende, das Ziel, die messianische Heilszeit, das Reich Gottes, um das, was die Propheten Israels verkündigt haben. Das Ende der Zeiten ist das Ziel der Geschichte. Darüber hatte Nebukadnezar auf seinem Lager tief nachgesonnen und im Schlaf ein ergreifendes Traumgesicht geschaut, das ihm die Antwort zu geben schien auf sein Grübeln über den tiefsten und letzten Zweck des Daseins (Verse 29–30).

 An dieses heilige Geheimnis in des Königs eigener Brust knüpft Daniel weise an und trifft damit sofort das innerste Herz des Weltherrschers. Nebukadnezar war nicht nur ein kühner Kriegsheld und Welteroberer, sondern auch ein tiefer Denker. Er hatte auf seinem glorreichen Siegeszug so viele Reiche in den Staub sinken gesehen. Würde nicht auch sein babylonisches Riesenreich demselben Schicksal verfallen? Was sollte überhaupt all da  Kommen und Gehen der Menschen, das Aufblühen und Vergehen der Reiche, all der bunte Wechsel des Lebens und das betäubende Durcheinander der Geschichte? Gibt es auch einen Sinn und Zweck der Geschichte, und was folgt danach? Was ist das Ziel dieser unaufhaltsam forttreibenden Entwicklung?

 Nebukadnezars politische Sorgen mögen nicht wenig zu den Voraussetzungen des schweren, ihn erschreckenden Traumes beigetragen haben. Er wird wahrscheinlich als kluger Politiker bald erkannt haben, welch große Gefahr seinem jungen Weltreich gerade von Norden, von Medien und Persien her, drohte. Die Propheten hatten bereits angekündigt, dass Babel dereinst von dort her das Gericht zu erwarten hätte (vgl. Jes. 13,17; 21,2; Jer. 50,3.9.41; 51,11.28). Dass dem Nebukadnezar etwas von diesen Weissagungen bekannt war, ist nicht ausgeschlossen. Nun hatte der Umstand ihn so erschreckt, dass er im Traum den plötzlichen Zusammensturz des gewaltigen Bildes geschaut hatte. Mochten die Einzelheiten des Geschauten seinem Gedächtnis beim Erwachen auch entschwunden sein, so blieb doch dieser Eindruck der Furcht und Sorge, weshalb er so darauf bestand, die Deutung des Traumes zu erfahren.

 Mit diesen und ähnlichen schweren Gedanken schlief der König ein, und sein Geist wurde im Traum erschreckt und bekümmert durch eine gewaltige Vision, deren einzelne Teile er beim Erwachen nicht mehr zusammenfügen konnte und dadurch verwirrt und tief bedrückt wurde; denn ihm war bewusst, eine Offenbarung aus der unsichtbaren Welt empfangen zu haben. Das Vergessen des Traumes war göttliche Fügung. Sonst hätten die babylonischen Weisen nach den Regeln ihrer Kunst den Traum schon zu deuten gewusst und so durch ihre Scheinweisheit den König um die wahre Deutung betrogen.

 So aber musste durch Daniel zur Ehre Jehovas für die wahre Prophetie die Bahn freigemacht werden für das unter dem satanischen Bann der Magier befindliche Babel.

 „Mir aber ist dies Geheimnis nicht infolge von Weisheit, die mir vor allen Lebenden zu eigen wäre, offenbart worden, sondern nur zu dem Zweck, damit dem König die Deutung kund würde, und du über die Gedanken deines Innern Auskunft erhieltest!" (2,30)

Schlicht und einfach, ohne geheuchelte Demut weist Daniel von seiner Person hinweg auf die alleinige göttliche Urheberschaft der Offenbarung und den göttlichen Zweck derselben, ehe er zur eigentlichen Deutung des Traumes übergeht.


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